tante annegrete


April 2017

"Tante Annegrete", wie sie von allen genannt wird, lebte schon unser ganzes Leben lang nebenan. Mittlerweile ist sie sehr alt und gebrechlich geworden (im November wird sie 92 Jahre alt), kann nicht mehr alleine in ihrem Haus bleiben und sich versorgen, sodass sie seit November im Seniorenheim lebt. Das Heim liegt nicht weit von uns entfernt, alte Bekannte und Freunde können sie problemlos besuchen. Der Abschied vom geliebten Zuhause ist ihr trotzdem sehr schwer gefallen - halb dement verstand sie manchmal, warum ein Abschied sein musste, ein anderes Mal lehnte sie den Umzug mit aller Kraft ab. Ausschlaggebend war dann letztlich, dass sie große Angst hatte, nachts alleine zu sein, dass die normalen Gegebenheiten des Alltags sie überforderten, dass sie beim wöchentlichen Rausstellen des Mülls in höchste Nöte geriet und mit der alltäglichen Post nichts mehr anzufangen wusste. Dazu kam noch die Gebrechlichkeit, die mit ihrem hohen Alter einher ging ... irgendwann konnten weder Familie noch die gesamte Nachbarschaft sie auffangen und sie beruhigen, wenn sie in Not war.

Bei bisherigen Besuchen im Heim war sie sehr zufrieden und hatte sich mit der Situation arrangiert. Immer betonte sie, wie gut es sei, dort zu sein, wie liebevoll man sich um sie kümmern würde und dass sie bestens versorgt wäre. Die Anzeichen der Demenz bemerkten wir bei jedem Besuch stärker, immer wieder wurden die gleichen Sätze wiederholt - aber sie hat unser Frauchen und die nette Nachbarin beim bisher letzten Besuch im April sofort erkannt und sich riesig über den Besuch gefreut. Frauchen hatte Erbse und mich extra mitgenommen, um ihr eine Freude zu machen. Immerhin kennt sie uns vom ersten Tag an und hat uns immer sehr gemocht. Leider wusste sie bei diesem Besuch gar nicht mit uns anzufangen... Sie fragte immer wieder, wem wir den  gehören würden, seit wann wir denn in Achenbach leben würden etc. Nun ja, macht ja nichts, wir haben trotzdem etwas Abwechslung in den manchmal doch gleichförmigen Altenheim-Alltag gebracht.

 

Mai 2017

02. Mai, abends, 20.20 Uhr, Frauchen hat gerade das Bügeleisen eingeschaltet, um noch ein paar Dinge wegzuschaffen. Es klingelt ... einmal, nochmal, dreimal hintereinander ... wer kann das sein? Wir erwarten keinen Besuch. Frauchen geht zur Haustür, öffnet sie und ihr bleibt erst einmal der Mund offen stehen. Vor der Tür, nein, fast schon an die Tür geklammert, steht Tante Annegrete, ohne Zähne im Mund, mit dicker Winterjacke, aber in Filzpantoffeln, die Hände eiskalt, der Blick leicht verzweifelt. Frauchens Hirn ist erst mal leer, ihr Blick geht suchend zum Nachbarhaus. Vielleicht sind die Angehörigen ja im Haus, um noch ein paar Dinge zu holen und Tante Annegrete will mal kurz HALLO sagen? Fehlanzeige, nebenan ist kein Mensch. 

 

Frauchen leitet Tante Annegrete erst einmal in die warme Küche und bugsiert sie auf einen Stuhl. Wir fragen vorsichtig nach, wie um alles in der Welt sie um diese Uhrzeit alleine bis vor unsere Haustür kommt. Was will sie hier bei uns? Aus der alten Dame bekommen meine Leute nach und nach Unglaubliches heraus: Offensichtlich ist sie vor dem Heim in ein Auto gestiegen, dessen Fahrer nach Achenbach fahren wollte. Offensichtlich hat er sie im Dorf irgendwo aussteigen lassen und sie ist durch Kälte und regen bis zu uns gelaufen. Eigentlich wollte sie nach Hause ... es bricht uns fast das Herz! Sie fragt, ob in ihrem Haus jemand wohnt. Als sie hört, dass das Haus leer steht, möchte sie am liebsten morgen wieder einziehen, es wäre ja Platz genug für sie...

Wir erkundigen uns, ob sie sich im Heim abgemeldet hat (könnte ja sein ;-) ), hat sie natürlich nicht. Allmählich dämmert ihr wohl, dass sie für allerlei Aufregung sorgt, sie entschuldigt sich immer wieder und bittet um Verzeihung. Ach je, die arme alte Dame, sie kann ja auch nichts für ihren verwirrten Kopf und ihr Herz voller Heimweh!

 

Mein Frauchen ruft im Heim an, wo man Tante Annegrete noch nicht vermisst hat, und bietet sich an, sie zurückzubringen. Das Angebot wird dankbar angenommen und so geht der Ausflug komfortabel im geheizten Auto zu Ende. Die Pflegerinnen im Heim sind nahe am Herzinfarkt. Sie haben Tante Annegrete abends ins Bett gebracht, das Licht ausgeschaltet, die Zimmertüre geschlossen und sich dann um die anderen Bewohner gekümmert. Offensichtlich hat sie sich dann in Windeseile angezogen und ist ihnen allen entwischt - immer nur ihr Haus im Kopf und die Sehnsucht, dort wieder wohnen zu können. Endlich liegt sie eingepackt i ihrem Zimmer im Bett, unter der warmen Decke, und entschuldigt sich in einem fort für die "Dummheiten", die sie gemacht hätte. Wir beruhigen sie - alles ist gut gegangen ... nicht auszudenken, wenn sie irgendwo in fremder Umgebung abgesetzt worden wäre, wenn sie in den Wald gelaufen wäre ... das hat es alles schon gegeben. Puh, wir sind allesamt erleichtert, dass sie wohlbehalten zurück im Heim ist. Und man fragt sich unwillkürlich, wer diese alte Dame (mit wirrem Haar, in Filzpantoffeln und ohne Gebiss im Mund) abends um diese Uhrzeit im Auto mitnimmt, ohne wenigstens am Empfang nachzufragen, ob das in Ordnung geht. Es geschen Dinge, die begreift man einfach nicht!

Mal sehen, ob Tante Annegrete sich bei unserem nächsten Besuch noch an ihr abendliches Abenteuer erinnert.

 

Juni 2017

Leider wird es keinen nächsten Besuch mehr geben. Für uns völlig überraschend ist Tante Annegrete Mitte Juni gestorben. Sie wäre im November 92 Jahre alt geworden. Nun ist sie im Himmel, dort geht es ihr gut, sie hat keine Beschwerden mehr und irgendwann sehen wir sie wieder!